Wenn du Brotrezepte mit weichen Weizen- oder Dinkelteigen backst, kommst du um Dehnen und Falten nicht herum. Die Technik ist einfacher als sie klingt: Du ziehst den Teig sanft auseinander, faltest ihn über sich selbst und gibst ihm so Struktur ohne langes Kneten. Bei mir gehört Dehnen und Falten zur Standard-Routine für fast alle Sauerteig- und Hefebrote. In diesem Beitrag zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du den Teig dehnst und faltest, wann sich die Technik lohnt und wann du besser zum sanfteren Coil Fold greifst.
Was ist Dehnen und Falten?
Dehnen und Falten, auf Englisch Stretch and Fold, ist eine Technik zur Strukturentwicklung von Brotteig während der Stockgare. Du ziehst den Teig vorsichtig in die Länge und faltest ihn dann über die Mitte zurück, ähnlich wie bei einem Brief. Diese Bewegung stärkt das Klebergerüst, ohne dass du den Teig komplett aus der Schüssel nehmen oder lange kneten musst.
Stretch and Fold, das englische Original
Der Begriff Stretch and Fold stammt aus der amerikanischen Brotback-Szene und wurde durch Bäcker wie Chad Robertson (Tartine Bakery) populär. In Deutschland hat sich der direkte Übersetzungsbegriff „Dehnen und Falten“ durchgesetzt. Beide Begriffe bezeichnen exakt die gleiche Technik.
Was unterscheidet Dehnen und Falten vom klassischen Kneten?
Beim Kneten wird der Teig mechanisch durchgewalkt, das Klebergerüst wird durch Reibung und Bewegung aufgebaut. Beim Dehnen und Falten passiert das in Intervallen: kurze Bearbeitung, lange Ruhepause, in der das Gluten sich entspannt und neu aufbaut. Diese schonende Methode ist besonders bei empfindlichen Mehlen wie Dinkel ein Vorteil.

So funktioniert Dehnen und Falten Schritt für Schritt
Vorbereitung
- Eine ausreichend große Teigwanne oder Schüssel bereitstellen
- Hände leicht mit Wasser anfeuchten, damit der Teig nicht klebt
- Teig nach dem Mischen oder Vorkneten 30 Minuten ruhen lassen (eine Art Mini-Autolyse)
Die Bewegung
- Eine Seite anheben. Mit der angefeuchteten Hand unter eine Seite des Teigs greifen.
- Sanft nach oben ziehen. Den Teig soweit dehnen, wie er sich ohne Reißen ziehen lässt.
- Über die Mitte falten. Den gedehnten Teig zur gegenüberliegenden Seite hinüberlegen.
- Schüssel um 90 Grad drehen. Die nächste Seite ist dran.
- Wiederholen, bis alle vier Seiten gedehnt und gefaltet wurden.
Eine komplette Runde besteht also aus vier Faltvorgängen, jeweils einer pro Seite.
Wie oft? Intervalle und Anzahl
In der Regel werden 3 Runden Dehnen und Falten durchgeführt, jeweils im Abstand von 30 bis 45 Minuten während der Stockgare. Bei sehr weichen Teigen können es auch 4 Runden sein, bei festeren Teigen oft nur 2.
Faustregel: Sobald der Teig stabil und glatt aussieht, ist es genug. Wenn er beim Dehnen einreißt oder die Oberfläche rauh wird, hast du zu lange oder zu kräftig gearbeitet.
Was passiert dabei im Teig?
Drei Effekte arbeiten parallel:
1. Klebergerüst-Aufbau Die Glutenstränge werden durch das Dehnen ausgerichtet und gestärkt. Das Klebergerüst wird stabiler und elastischer.
2. Gleichmäßige Gärgase-Verteilung Die während der Stockgare entstehenden Gärgase werden gleichmäßig im Teig verteilt. Das sorgt später für eine gleichmäßige Krume.
3. Sauerstoffzufuhr Beim Dehnen wird frischer Sauerstoff in den Teig eingearbeitet, was die Hefe- oder Sauerteig-Aktivität fördert.
Bei welchen Teigen lohnt sich Dehnen und Falten?
Weizenteige
Hier ist Dehnen und Falten die Standard-Technik, vor allem bei weicheren Weizenteigen mit längeren Gehzeiten (Sauerteig, Ciabatta, Baguette).
Dinkelteige
Bei Dinkel ist Dehnen und Falten besonders nützlich, weil Dinkel beim klassischen Kneten schnell überknetet wird. Mit Dehnen und Falten gibst du dem Teig schonend Struktur, ohne den empfindlichen Kleber zu überfordern. Wichtig: Bei Dinkel weniger kräftig dehnen als bei Weizen, lieber sanfter und mit Gefühl arbeiten. Wenn der Teig sehr weich ist, lieber direkt zum Coil Fold greifen.
Mischteige
Bei Mischteigen aus Weizen und Dinkel funktioniert Dehnen und Falten gut. Je höher der Dinkel-Anteil, desto vorsichtiger.
Wann Roggen nicht funktioniert
Bei reinen Roggenteigen oder Teigen mit hohem Roggen-Anteil bringt Dehnen und Falten kaum etwas. Roggen bildet kein klassisches Glutengerüst, das durch Dehnen verstärkt werden könnte. Bei diesen Teigen reicht es, sie nach dem Mischen ruhen zu lassen und direkt in die Form zu bringen.
Dehnen und Falten oder Coil Fold? Wann was?
Beide Techniken stärken das Klebergerüst, unterscheiden sich aber in Bewegung und Anwendung:
| Merkmal | Dehnen und Falten | Coil Fold |
|---|---|---|
| Bewegung | Aktiv ziehen, dehnen, falten | Sanft anheben, unterklappen, ruhen lassen |
| Krafteinsatz | Mittel bis stark | Sehr schonend |
| Geeignet für Hydration | 60 bis 70 % | über 70 % |
| Geeignet für Teigarten | Weizen, Dinkel, mittlere Mischteige | Sauerteig, Ciabatta, Lievito Madre, sehr weiche Dinkelteige |
| Risiko bei Dinkel | Mittel (vorsichtig dosieren) | Gering (sehr dinkel-freundlich) |
| Wann im Backprozess | Erste 2 bis 3 Runden | Letzte 1 bis 2 Runden oder Hauptmethode |
| Schwierigkeitsgrad | Mittel | Einfach |
Faustregel: Bei festeren bis mittelweichen Teigen Dehnen und Falten. Bei sehr weichen oder empfindlichen Teigen Coil Fold. Die Techniken lassen sich auch kombinieren: Erste 2 Runden Dehnen und Falten, letzte Runde Coil Fold. ➔ Mehr zur schonenden Variante im Beitrag Coil Fold.
Meine Praxis mit Dehnen und Falten
In meiner Backstube nutze ich Dehnen und Falten…
- …bei Sauerteig-Broten mit Weizen oder Dinkel: 3 Runden, alle 30 bis 45 Minuten
- …bei Auffrischbroten mit Sauerteig-Resten: 2 bis 3 Runden, je nach Teig
- …bei Brötchen-Teigen mit Übernachtgare: oft nur 2 Runden, dann ab in den Kühlschrank

Mein Tipp
Wenn du unsicher bist, lieber eine Runde weniger als zu viele. Überbearbeiteter Teig verliert seine Struktur, schwerer zu retten als ein zu wenig bearbeiteter.
Häufige Fragen
Der Teig fühlt sich stabil und glatt an, lässt sich gut dehnen ohne zu reißen, und behält nach dem Falten seine Form. Wenn er beim Anheben fast wie eine Kugel zusammenhält, ist es genug.
Dann hast du entweder zu kräftig gezogen oder das Klebergerüst hatte noch nicht genug Zeit, sich zu entspannen. Sanfter arbeiten oder die Ruhezeit zwischen den Runden auf 45 Minuten verlängern.
Bei sehr festen Teigen (zum Beispiel klassische Brioche) bringt es weniger, weil der Teig kaum dehnbar ist. Hier ist klassisches Kneten besser. Bei mittleren bis weichen Teigen lohnt es sich.
Für 3 Runden mit jeweils 30 bis 45 Minuten Pause: insgesamt etwa 1,5 bis 2,5 Stunden inklusive Stockgare. Das aktive Arbeiten dauert pro Runde nur 30 bis 60 Sekunden.
Ja, das ist sogar das Prinzip vieler No-Knead-Rezepte. Du mischst die Zutaten nur grob, lässt den Teig ruhen und entwickelst das Klebergerüst rein durch Dehnen und Falten plus Fermentation.
➔ Mehr zur schonenden Variante im Beitrag Coil Fold. Vorbereitende Techniken findest du bei Autolyse und Fermentolyse. Hintergrund zum Klebergerüst im Beitrag Gluten. Den Klebergerüst-Test machst du mit dem Fenstertest.